21.09.2021 12:45

"Der Uhrmacher in der Filigree Street" von Natasha Pulley

Das Wort 'bezaubernd' benutze ich eigentlich nie, aber hier ist es genau richtig: Dieses Buch ist bezaubernd im wahrsten Sinne des Wortes. Ich glaube, den Stil der Kleidung und die Betonung des Segens der Technik im 19. Jahrhundert - siehe Jules Verne - nennt man Steampunk und das wird wunderbar dezent zum Leser und zur Leserin gebracht, auch wenn er oder sie keine Neigung dazu hat. Man erfährt sehr authentisch, welche Möglichkeiten Frauen zu der Zeit hatten, besser gesagt nicht hatten. Die Sprache ist wunderbar und die Bilder sind so beschrieben, dass man beim Lesen Gebäude, Straßen, Gärten und Parks klar in Gedanken sieht. Das ist sicher auch dem guten Übersetzer, Jochen Schwarzer zu verdanken.

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Im England zur Zeit von Königin Victoria kreuzen sich die Wege von vor allem drei Menschen. Die Hauptperson ist Nathaniel Steepleton, genannt Thaniel, weil sein Vater 'Nat' gerufen wurde. Thaniel ist ein Angestellter im Innenministerium, wo er Telegrafen virtuos bedient. Eines Tages findet er eine fest verschlossene Taschenuhr in seinem kleinen Zimmer, wo er zur Miete wohnt. Es kommt der Tag, an dem sich die Uhr plötzlich von selbst öffnet und allerlei schwer- beziehungsweise unvorhersehbare Dinge passieren ab da. Leser und Leserinnen sollten sie selbst lesen, deshalb greife ich hier nicht vor.

Thaniel lernt einen Japaner kennen namens Keita Mori. Der hat ein Zimmer zu vermieten und Thaniel zieht bei ihm ein. Mori ist aus einem japanischen Adelsgeschlecht, hat aber die Liebe zur Mechanik zu seinem Beruf und Lebensinhalt gemacht. Er arbeitet in London in der Filigree Street als Uhrmacher. Sein schier unbegrenztes Vermögen versetzt ihn in die Lage nur die allerbesten Materialien in seinen Uhrwerken zu verbauen, Diamanten als Lager und Gold für Gehäuse und bimetallische Feder. Schon das allein macht seine Uhren zu den besten in London und wahrscheinlich auch darüber hinaus. Hinzu kommen seine genialen Ideen, die alle seine Werke - er erschafft nicht nur Uhren - zu technisch unglaublichen Unikaten mit Eigenschaften machen, die man selbst heutzutage nicht glauben kann. So hat er sich einen Kraken als Haustier gebaut, der sich fast wie ein echtes Tier bewegen kann - also alle acht Tentakeln - Dank vieler eigenen Uhrwerke und eines Zufallsantriebs, der bewirkt, dass sein Verhalten nicht vorhersehbar ist. Keita ist darüber hinaus mit Hellsichtigkeit gesegnet, was ihm oft nicht als Segen vorkommt. Er kann sich an alles, was logisch ableitbar ist, in der Zukunft 'erinnern', wie er es ausdrückt. So sagt er Thaniel voraus, dass sich sein Leben bald grundlegend ändern wird. Es scheint manchmal, als wenn er auf zukünftige Ereignisse Einfluss nimmt.

Thaniel kommt  plötzlich aus dem Innen- ins Außenministerium, wo er mehr verdient und größere Chancen hat. Er lernt auf einem Fest, das er als Angestellter des Außenministeriums zu besuchen hat, die reiche und für ihre Zeit exzentrische Tochter von Lord Carrow, Grace Carrow kennen. Grace will Physikerin werden und arbeitet daran, die Existenz des 'Äthers' zu beweisen. Wenn es ihr gelingt bekommt sie ein Stipendium, was ihr das weitere Studium ermöglichen würde. Gelingt es ihr nicht, ist sie dazu 'verurteilt' zu heiraten, weil ihr Vater ihr Erbe verwaltet und sie es nur im Sinne einer Mitgift bekommt und nutzen darf, also wenn sie verheiratet ist. Ihr Erbe ist ein Haus, in dem sie sich ein Labor für ihre Forschungen einrichten will.

Es passieren, wie gesagt, seltsame Dinge mit dem einen oder anderen Knalleffekt.

Dieses Buch versetzt einen in eine andere Welt. Es ist spannend und auch unterhaltsam. Ich kann es allerseits bestens empfehlen.